„Wer das Grab und die Verwesung nicht vergisst und die Prachtfülle dieser Welt aufgibt und der das Bleibende dem Vergänglichen vorzieht, und der den morgigen Tag nicht zu seinen Lebenstagen zählt und sich selbst zu den Bewohnern des Grabes rechnet.“ (Ibn Hanbal S.136)
Und man hat über die Bewohner der Gräber folgende Verse geschrieben:
Verhalte dich bei den Gräbern und sprich zu den Gläubigen:
,,Wer von euch liegt unbekannt
in ihren Finsternissen verschüttet?
Und wer von euch liegt voll Ehren in ihren Tiefen
und kostet die Kühle, sicher vor ihren Schrecknissen?“
Die Stille, dem Betrachter erscheint sie einerlei,
ihrer Rangstufen Vorzug ist nicht offenbar.
Gäben sie dir Antwort, sie täten sie mit Zungen kund,
die dir die Wirklichkeit beschrieben,
von ihrem Umstand einiges.
Der Folgsame soll in einem Garten wohnen
und sich nach Belieben ergehen
unter hohen, schattenreichen Bäumen;
doch der störrische Sünder wälzt ruhlos sich in der Grube
und sucht Zuflucht bei ihren Schlangen,
indes Skorpione auf ihn zujagen
und seine Seele durch ihre Striche schlimme Qualen leidet. (S. 141)
Es sagte Malik ibn Dinar: ,,Ich ging einmal am Friedhof vorbei, schmiedet diese Verse und trug sie laut vor:
Ich gelangte zu den Gräbern und rief hinüber:
,Wo ist nun der Mächtige und wo der Geächtete?
Wo ist er, der sich wichtig tat mit seiner Macht?
Und wo der Almosenspender, der sich seiner Gaben brüstet?“
Dann sagte er: ,,Dann rief man mir von den Gräbern aus zu und obwohl ich niemanden sehen konnte, vernahm ich eine Stimme die sprach:
,Sie alle sind entschwunden, keiner kündet von ihnen,
sie starben alle, und mit ihnen erstarb jeder Kunde.
Die Töchter der Erde kommen und gehen
und löschen aus jener Lieblichkeit Form.
O du, der du mich nach den Verblichenen fragst,
liegt in dem, was du siehst, für dich keine Lehre?‘
Da kehrte ich weinend heim“, sagte er. (S. 142)
Der einsichtige Mensch ist der, der die Gräber anderer Leute betrachtet und seinen eigenen Platz unter ihnen wahrnimmt; der Vorbereitungen trifft, sich ihnen anzuschließen, und der weiß, dass sie nicht von ihren Plätzen weichen werden, bis er zu ihnen stößt. Es soll ihm klar bewusst sein, dass, würde ihnen auch nur einer seiner vergeudeten Lebenstage angeboten, dieser ihnen lieber wäre als die Welt mit allem, was dazugehört, weil sie den Wert des Lebens nun kennen und ihnen das wahre Wesen der Dinge aufgetan worden ist. Ihre Sehnsucht nach einem einzigen Lebenstag ist darauf gerichtet, dass der fehlerbeladene Mensch seine Mängel ausgleichen möge und sich dadurch von der Strafe befreien könne und dass der, dem Glückseligkeit verheißen, seinen Rang noch erhöhen könne, damit ihm Belohnung vermehrt zuteil würde. Sie werden sich des Wertes der Lebenszeit erst bewusst, nachdem sie ihnen genommen ist, daher sehnen sie sich so nach nur einer einzigen Stunde des Lebens. Du aber hast das Vermögen, diese Stunde zu leben, ja vielleicht sogar der Stunden mehrere, und doch vergeudest du deine Zeit. So richte dich darauf ein, diese Vergeudung schmerzlich zu bedauern, wenn es dir nicht mehr gegeben ist zu entscheiden, sofern du nicht vorbaust und beizeiten den dir bemessenen Anteil deiner Lebensstunden ergreift. (S. 145)
Abu Hamid Al-Ghazali (2014). Erinnerung an den Tod und das Leben danach: Kitâb dhikr al-mawt wa-mâ ba dahu. Das 40. Buch der Ihyâ‘ ulûm ad-dîn (Deutsch). Spohr Verlag, S. 136-145.

Hinterlasse einen Kommentar