„Fordere dein Herz zurück!“ von Yasmin Mogahed (1)

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„Wir wollen Liebe. Wir wollen Geld. Wir wollen Status. Wir wollen dieses Leben. Und wie das Kind, werden wir von diesen Lieben buchstäblich aufgefressen. Wenn wir diese Dinge also nicht haben können, sind wir das Kind in dem Geschäft, das mit sich ringt, sie nicht zu stehlen. Wir kämpfen damit, um dessentwillen, was wir lieben, kein Haram zu begehen. Wir kämpfen damit, unsere Haram Beziehungen, Geschäftsangelegenheiten, Tätigkeiten, Kleidung loszulassen. Wir kämpfen damit, die Liebe dieses Lebens loszulassen. Wir sind der stolpernde Diener, der damit kämpft, das Spielzeug loszulassen… weil es alles ist, was wir sehen.

Dieses ganze Leben und alles, was in ihm ist, ist wie das Spielzeugauto. Wir können es nicht loslassen, weil wir nichts Großartigeres gefunden haben. Wir sehen nicht das Wahre. Die echte Version. Das echte Modell.

Allah (swt) sagt: „Dieses irdische Leben ist nur Zerstreuung und Spiel. Die jenseitige Wohnstätte aber ist wahrlich das eigentliche Leben, wenn sie (es) nur wüssten!“ (29:64)

Zur Beschreibung dieses Lebens benutzt Allah das arabische Wort für ‚Leben’: الحياة. Wenn Er jedoch das nächste leben beschreibt, benutzt Er den äußerst übertriebenen Begriff für Leben الحيوان. Das nächste Leben ist das wahre Leben. Das echtere Leben. Die echte Version. Und dann beendet Allah die Ayah, indem Er sagt „Wenn sie es nur wüssten“. Wenn wir nur das wahre sehen könnten, kämen wir über unsere tiefe Liebe für das unbedeutendere, falsche Modell hinweg.

In einer anderen Ayah sagt Gott:
„Nein! Vielmehr zieht ihr das diesseitige Leben vor, während das Jenseits besser und beständiger ist.“ (87;16-17)

Die echte Version ist besser in Bezug auf Qualität und Quantität. Ganz egal, wie großartig das, was wir in diesem Leben lieben, auch sein mag, es wird doch immer ein Defizit aufweisen, sowohl in Qualität (Unvollkommenheit) als auch in Quantität (Vergänglichkeit).

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir die Dinge dieses Lebens nicht haben oder sogar lieben können. Als Gläubige sind wir angehalten, um Gutes sowohl in diesem Leben als auch im Nächsten zu bitten. Aber es ist wie mit dem Spielzeugauto und dem echten Auto. Zwar können wir das Spielzeugauto haben oder sogar Freude daran empfinden, doch wir bemerken den Unterschied. Wir verstehen sehr gut, dass es ein minderwertiges Modell ist (Dunya: stammt von dem Stammwort daniya ab, was ‚geringer’ heißt) und es ein echtes Modell (das Jenseits) gibt.“

Aber inwiefern hilft uns diese Erkenntnis in diesem Leben? Sie hilft uns, weil es den „Kampf“, dem Halal zu folgen und vom Haram fernzubleiben, leichter macht. Je mehr wir das Wahre sehen können, desto leichter wird es, das „irreale“ aufzugeben – wenn nötig. Das bedeutet nicht, dass wir das „Irreale“ komplett oder immer aufgeben müssen. Stattdessen formt die Erkenntnis unsere Beziehung zu dem minderwertigeren Modell (Dunya) so, dass wenn von uns gefordert wird, etwas dem Echten zuliebe aufzugeben, wir leichter damit fertig werden können. Wenn von uns verlangt wird, von etwas Verbotenem, das wir wollen, fernzubleiben, wird es leichter. Wenn von uns verlangt wird, standhaft in einem Gebot zu sein, welches wir nicht wollen, wird es einfacher. Wir werden das gereifte Kind, das das Spielzeug zwar möchte, doch wenn es jemals zwischen dem Spielzeug und dem Wahren entscheiden müsste, keine Schwierigkeit hat, sich zu entscheiden. Zum Beispiel verfügten viele der Gefährten des Propheten (sas) über Reichtum. Doch als es Zeit wurde, konnten sie mit Leichtigkeit ihr halbes oder ganzes Vermögen Allah zuliebe hergeben.“


Yasmin Mogahed (2020). Fordere dein Herz zurück! (2. Auflage). IB Verlag islamische Bibliothek: Düsseldorf, S. 113-115.

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