Warum muslimische Frauen ein Kopftuch tragen

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Jedes Mal, wenn du den Hijab trägst, erinnere dich daran, dass du eine Ayah des Qur’an trägst…

Die Kopftuchdebatte ist ein Dauerbrenner und steht im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Eine Frage wird aber oft ausgeblendet: Warum tragen muslimische Frauen überhaupt ein Kopftuch? 


Das islamische Kopftuchgebot für Frauen wird an zwei Stellen im Koran aufgegriffen:

Zum einen in der Sure Nûr, wo es heißt: 

„Und sage den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke senken und ihre Keuschheit wahren und ihre Reize nicht zur Schau stellen sollen, außer was (anständigerweise) sichtbar ist; und dass sie ihre Tücher über ihren Busen schlagen und ihre Reize nur ihren Ehegatten zeigen sollen (…) Und sie sollen ihre Beine nicht so schwingen, dass Aufmerksamkeit auf ihre verborgene Zierde fällt. Und bekehrt euch zu Allah allzumal, o ihr Gläubigen, damit es euch wohl ergehe.“ [1]

Der andere Vers lautet: 

„O Prophet! Sage deinen Frauen und deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, dass sie etwas von ihrem Übergewand über sich ziehen sollen. So werden sie eher erkannt und (daher) nicht belästigt. Und Allah ist verzeihend, barmherzig.“ [2]

Das Bekleidungsgebot lässt sich auch aus einem Hadith ableiten, welcher in der Sammlung von Abû Dawûd überliefert ist:

 „Aischa berichtet: ‚Asmâ bint Abî Bakr erschien in freizügiger Kleidung vor dem Propheten. Dieser wendete sich von ihr ab und sprach: ‚O Asmâ! Wenn die Frau ihre Geschlechtsreife erlangt hat, dann sollte nichts von ihr zu sehen sein außer diesem!’ Und er zeigte auf sein Gesicht und seine Hände.“ [3]


Hintergründe der Koranverse

Nach Ansicht der meisten Gelehrten wurde der Vers aus Sure Nûr im Zusammenhang mit der sogenannten „Halsband-Affäre“ offenbart.

Während einer Rast auf dem Feldzug entfernte sich Aischa, die Frau des Propheten صلى الله عليه وسلم, kurz vor dem Aufbruch von der Gruppe. Auf dem Rückweg bemerkte sie den Verlust ihres Halsbands und kehrte noch einmal um. Unterdessen brach die Karawane auf, da man Aischa schon in ihrer Kamelsänfte vermutete. In der Hoffnung, dass man sie bald abholen würde, wartete Aischa an der Raststelle. Dort entdeckte sie Safwân ibn Muattal, der zur Nachhut der Armee gehörte. Er ließ sie auf seinem Kamel reiten und in der Morgendämmerung erreichten beide das Heer, das erneut rastete.

Bald darauf verbreiteten sich Gerüchte, die Aischa der Untreue bezichtigten. Die Situation setzte alle Beteiligten sehr unter Druck. Schließlich forderte der Prophet صلى الله عليه وسلم Aischa selbst auf, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Im Hause ihres Vaters, dem späteren ersten Kalifen Abû Bakr, wurden dem Propheten صلى الله عليه وسلم dann die langerwarteten Verse offenbart, die Aischas Unschuld bewiesen: Sure Nûr, Vers 15-17. [4]

Diese Offenbarung ist eingebettet in eine Reihe weiterer Verse der Sure Nûr, die sich mit dem Thema Ehebruch und der Verleumdung unbescholtener Frauen beschäftigen. Zu ihnen gehört auch das Kopftuchgebot. [5] 

Demnach lässt sich das Kopftuchgebot der zweiten (medinensischen) Offenbarungsphase zuordnen. Dennoch können auf Grundlage von Aussagen des Propheten einige Kleidungsanweisungen schon für die islamische Frühzeit in Mekka nachgewiesen werden. 

In einer dem Prophetengefährten Harsi al-Gamidi zugeschriebenen Überlieferung heißt es, der Prophet صلى الله عليه وسلم sei einmal von einer Menschenmenge, die er zum Islam einladen wollte, angegriffen und verletzt worden. Nachdem sich die Menge zerstreut hatte, eilte eine Frau mit einem Wasserkrug zu ihm. Sie weinte so sehr, dass sich ihr Hals entblößte. Nachdem der Prophet صلى الله عليه وسلم getrunken und sich gereinigt hatte, machte er sie darauf aufmerksam, ihren Hals mit ihrem Kopftuch lieber zu verdecken. Der Überlieferung zufolge handelte es sich bei dieser Frau um Zaynab, die Tochter des Propheten. [6]


Innerislamische Diskussionen

In der islamischen Welt wird darüber diskutiert, ob die Begriffe „Khimar“ und „Dschilbab“, die in den beiden oben erwähnten Versen auftauchen, auf ein Tuch für den Kopf hinweisen, oder nur eine Bedeckung meinen, die Hals und Brust verhüllt.

Die Gegner des Kopftuchs argumentieren, dass in beiden Versen das Wort „Kopf“ nicht auftauche und das zu bedeckende Körperteil auch in den genannten Begriffen nicht impliziert sei.  Hiergegen werden zweierlei Einwände vorgebracht:

Wörter wie Schuh, Hut, Ring etc. weisen ebenso wenig aus sich heraus auf die Körperteile hin, für die sie bestimmt sind. Trotzdem gibt es ein allgemein verbindliches Verständnis über die Verwendung dieser Gegenstände.

Man sollte die konkreten Handlungsbestimmungen des Korans nicht losgelöst vom sprachlichen und gesellschaftlichen Umfeld der Arabischen Halbinsel im 7. Jahrhundert betrachten. 

Geht man davon aus, dass mit den beiden Koranversen lediglich das Tragen eines Hals- oder Brusttuchs verbindlich gemacht wurde, heißt das nichts anderes, als dass in vorislamischer Zeit diese Körperbereiche unbedeckt waren. Von den historischen Quellen wird diese Annahme jedoch nicht gestützt. 

So stellt beispielsweise der bekannte Hadithgelehrte Buhârî fest, dass „vor der Offenbarung dieser Verse, die Frauen in Arabien ihren Kopf bedeckten, einige Bereiche ihres Halses oder ihrer Brust aber offen blieben“. [7] 

Zur Zeit des Propheten صلى الله عليه وسلم trugen die Frauen das Kopftuch, dessen Enden sie über den Rücken fallen ließen, als eine Art Accessoire. [8]

Der Koran beabsichtigte also nicht die Einführung einer vollkommen neuen Kleiderordnung. Vielmehr wurden bestehende Bekleidungsformen verfeinert und an die Erfordernisse der religiösen Ordnung angepasst. 

Aischa wird dazu mit folgenden Worten zitiert: „Allah soll sich der Frauen der Auswanderer erbarmen. Sie haben sofort im Anschluss des Gebotes ‘sie sollen ihre Kopftücher über ihren Busen schlagen…’ einen Teil ihrer Röcke abgeschnitten und daraus ein Kopftuch gemacht.“ [9]


Mehr als nur Kleidung

Da Gott den Menschen erschaffen hat und ihn laut islamischer Auffassung mit seinen Stärken und Schwächen besser kennt als dieser sich selbst, glauben die Muslime aus voller Überzeugung, dass Er allein dazu berechtigt und ermächtigt ist, eine derartige Bestimmung zu treffen.

Laut Koran gilt die Intimsphäre von Mann und Frau als besonders schützenswert. [10] Die Beziehung zwischen den Geschlechtern soll auf gegenseitigem Respekt aufbauen. Dieser Respekt drückt sich auch in der Bekleidung aus, sie kann ihn aber nicht allein gewährleisten. Deshalb sind die koranischen Bekleidungsvorschriften in einen Kontext ethischer Handlungsanweisungen eingebettet [11], die vor allem in der mekkanischen Offenbarungsphase stark betont werden. 

Dazu gehört unter anderem die Entwicklung eines guten Charakters. die verantwortungsvolle Einstellung gegenüber der Welt und die Ehrfurcht vor Gott als Grundvoraussetzung verantwortungsbewussten Handelns.

Die in Mekka herabgesandten Verse enthalten vor allem Beispiele, bildhafte Beschreibungen vom Paradies und von der Hölle, vom Jenseits im Allgemeinen und von ethischen Grundprinzipien, die im Rahmen der Wahrung von Ehre und Würde des Menschen, der Erhöhung des moralischen Standards in der Gesellschaft und der Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen thematisiert werden. 

Die 23. Sure des Korans beispielsweise umschreibt die Eigenschaften der Gläubigen, indem er ebenfalls auf die Beziehung zwischen Mann und Frau eingeht: „Wohl ergeht es den Gläubigen, die in ihrem Gebet demütig sind, und die sich von unbedachter Rede abwenden, und die die Abgabe entrichten, und die ihre Scham bewahren.“ [12]

Die Bewahrung der Scham umschreibt hierbei die allgemeine ethische Grundlage, auf dem im weiteren Verlauf die Kleidungsvorschriften aufgebaut werden. 


Das bedeutet: Die Vorschriften im Islam im Allgemeinen und die Kleidungsvorschriften im Speziellen sind eine Grundlage für einen Aufbauprozess der individuellen und gesellschaftlichen Reife.

Wichtig ist in jedem Fall, dass sich die Ehre eines Menschen nicht allein über seine Kleidung bestimmen lässt. Ausschlaggebend ist nach islamischem Verständnis der Grad der Takwâ (Gottesfurcht), den wiederum nur Gott allein bemessen und beurteilen kann.


 Quellen:

[1] Sure Nûr, 24:31

[2] Sure Ahzâb, 33:59

[3] Abû Dâwûd, Sunan, Libâs, 34

[4] Ibn Hischâm, Sîra, II, S. 298

[5] Lings, Martin, Muhammad – Sein Leben nach den frühesten Quellen, S. 337

[6] Izzaddîn ibn al-Asîr, Usd al-Gaba, I, S. 203

[7] Buhârî, Istizan, 2; „Deutung der Sure Nûr“, 12

[8] Kurtubî, Tafsîr, XII/230

[9] Buhârî, Sahîh, Auslegung des 31. Verses der Sure Nûr

[10] Vgl. Sure Arâf, 7:25

[11] Vgl. z. B. Sure Arâf, 7:26; Sure Nahl, 16:81

[12] Sure Mu’minûn, 23:1-11

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